Menschen. Geschichten. Muay Thai.

Hinter jedem Gym, jedem Kampf und jeder Veranstaltung stehen Menschen, Erfahrungen und Geschichten, die im Alltag oft nur am Rand sichtbar werden.

Im MT-LVH Magazin geben wir ihnen mehr Raum: für persönliche Wege, besondere Begegnungen, Einblicke hinter die Kulissen und die Menschen, die Muay Thai in Hessen mitgestalten.

 

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Wenn Anerkennung an der Fördertür endet

Warum Muay Thai in Deutschland trotz internationaler Anerkennung noch immer durch viele Raster fällt

Muay Thai verlangt Disziplin, körperliche Fitness, Respekt, Verantwortungsbewusstsein und jahrelanges Training. Kinder und Jugendliche lernen, Regeln einzuhalten, mit Erfolgen und Niederlagen umzugehen und Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

Trotzdem erleben wir als Muay Thai Landesverband Hessen immer wieder, dass unser Sport nicht nach seiner tatsächlichen Arbeit beurteilt wird. Förderprogramme bleiben schwer zugänglich, Sponsoringanfragen werden mitunter mit dem Hinweis abgelehnt, Kampfkunst passe nicht zu den eigenen Förderschwerpunkten – teilweise sogar ausdrücklich „aus Imagegründen“.

Das wirft eine grundsätzliche Frage auf:

Wann wird Muay Thai in Deutschland endlich als das behandelt, was es längst ist – ein organisierter Sport mit verbindlichen Regeln, international anerkannten Strukturen und wertvoller Nachwuchsarbeit?

International anerkannt – national noch nicht angekommen

Die International Federation of Muaythai Associations, kurz IFMA, wurde 2021 vom Internationalen Olympischen Komitee vollständig anerkannt. Damit erfüllt der internationale Muay-Thai-Verband die vom IOC gestellten Anforderungen an Integrität, Verbandsführung, Anti-Doping-Arbeit und sportliche Strukturen. Das IOC bestätigte die vollständige Anerkennung der IFMA im Juli 2021.

Der Muaythai Bund Deutschland vertritt Deutschland innerhalb dieser internationalen Verbandsstruktur. Der Muay Thai Landesverband Hessen setzt sich auf Landesebene dafür ein, diese Standards in Hessen umzusetzen.

Dennoch ist Muay Thai beziehungsweise der MTBD bislang nicht als eigenständiger Spitzenverband im Deutschen Olympischen Sportbund verankert. In der offiziellen Zuordnung der Sportarten zu den DOSB-Fachverbänden werden unter anderem Boxen, Judo, Karate, Taekwondo und Kickboxen ausdrücklich aufgeführt – Muay Thai dagegen nicht als eigenständige Sportart mit einem entsprechenden Fachverband. Die DOSB-Sportartenliste zeigt diese Zuordnung.

Damit entsteht ein schwer vermittelbarer Widerspruch: International ist die zuständige Muay-Thai-Föderation vom IOC anerkannt. Auf nationaler und regionaler Ebene fehlt jedoch weiterhin die vollständige Einbindung in die etablierten deutschen Sportstrukturen.

Förderung folgt bestehenden Strukturen

Die deutsche Sportförderung ist eng mit dem organisierten Sport verbunden. Eine Mitgliedschaft in einem Landessportbund oder anerkannten Fachverband eröffnet Vereinen und Verbänden Zugang zu Beratung, Qualifizierung, Versicherungen und verschiedenen finanziellen Fördermöglichkeiten.

Der Landessportbund Hessen nennt beispielsweise Zuschüsse für langlebige Sportgeräte, Baumaßnahmen und weitere Bereiche der Vereinsarbeit ausdrücklich als Vorteile seiner Strukturen. Informationen des Landessportbundes Hessen zur Vereinsförderung.

Das Problem besteht nicht darin, dass überhaupt keine Unterstützung möglich wäre. Einzelne Vereine können abhängig von ihrer konkreten Organisation durchaus Teil bestehender Sportstrukturen sein und Förderangebote nutzen. Solange Muay Thai aber nicht über einen anerkannten eigenen Fachverband vollständig eingebunden ist, bleiben die sportartspezifischen Verbandsstrukturen, Wettkampfsysteme und Entwicklungsprogramme gegenüber etablierten Sportarten im Nachteil.

So entsteht ein Kreislauf:

Eine Sportart benötigt Mitglieder, Landesstrukturen und finanzielle Mittel, um die Voraussetzungen einer umfassenden Anerkennung zu erfüllen. Gleichzeitig benötigt sie genau diese Anerkennung, um leichter an Fördermittel, Infrastruktur und institutionelle Unterstützung zu gelangen.

Wer bereits sichtbar ist, wird noch sichtbarer

Fußball, Wintersport und andere etablierte Sportarten verfügen über große Verbände, professionelle Geschäftsstellen, langjährige Kontakte zu Politik und Wirtschaft sowie eine enorme mediale Reichweite. Daraus entstehen starke Netzwerke und verlässliche Zugänge zu Sponsoren und Förderinstitutionen.

Das ist nicht automatisch unrechtmäßig – und es geht nicht darum, diesen Sportarten ihre Förderung abzusprechen. Aber es bedeutet, dass Unterstützung häufig dorthin fließt, wo bereits Infrastruktur, Bekanntheit und gesellschaftliche Akzeptanz vorhanden sind.

Kleinere oder noch nicht vollständig eingebundene Sportarten müssen dagegen erst beweisen, dass sie förderwürdig sind, bevor sie überhaupt die Mittel erhalten, mit denen sie professionelle Strukturen aufbauen könnten.

Was häufig als freie Auswahl oder bewährter Förderschwerpunkt bezeichnet wird, stabilisiert deshalb bestehende Verhältnisse. Große Sportarten profitieren von ihrer Reichweite, ihren Netzwerken und ihrer jahrzehntelangen institutionellen Verankerung. Muay Thai muss viele dieser Strukturen weitgehend aus eigener Kraft schaffen.

Das Vorurteil kämpft mit

Hinzu kommt ein Imageproblem. Muay Thai wird noch immer häufig auf Gewalt, Härte und spektakuläre Kampfszenen reduziert. Was außerhalb des Rings geschieht, bleibt weitgehend unsichtbar:

Kinder lernen Selbstbeherrschung. Jugendliche finden Gemeinschaft und Orientierung. Trainer vermitteln Respekt, Fairness und Verantwortungsbewusstsein. Athletinnen und Athleten trainieren jahrelang, um unter klar geregelten Bedingungen antreten zu können.

Ein sicherer Wettkampf benötigt qualifizierte Kampfrichter, medizinische Betreuung, passende Gegner, Schutzbestimmungen, ein verbindliches Regelwerk und verantwortungsvolle Trainer. Genau solche Strukturen möchten wir in Hessen aufbauen.

Wer Muay Thai wegen seines vermeintlich problematischen Images pauschal ausschließt, verhindert damit ausgerechnet die Arbeit jener Verbände und Vereine, die den Sport sicherer, transparenter und professioneller machen wollen.

Vorurteile verschwinden nicht dadurch, dass man eine Sportart aus der Förderung ausschließt. Sie verschwinden durch gute Strukturen, qualifizierte Ausbildung, öffentliche Sichtbarkeit und verantwortungsvoll organisierte Veranstaltungen.

Ehrenamt kann fehlende Strukturen nicht dauerhaft ersetzen

Viele Aufgaben werden derzeit ehrenamtlich oder aus privaten Mitteln getragen: Öffentlichkeitsarbeit, Veranstaltungsplanung, Nachwuchsförderung, medizinische Absicherung, Kampfrichterwesen, Ausrüstung und die Entwicklung gemeinsamer Wettkampfstrukturen.

Doch Engagement allein bezahlt keinen Wettkampfring, keine medizinische Betreuung und keine qualifizierten Officials. Es finanziert weder Lehrgänge noch sichere Veranstaltungsstandards.

Wenn öffentliche Förderung schwer erreichbar bleibt und Unternehmen den Kampfsport aus Imagegründen ausschließen, wird die Verantwortung auf wenige Ehrenamtliche, Mitgliedsschulen und private Unterstützer verlagert. Von ihnen wird erwartet, Strukturen aufzubauen, die in anderen Sportarten seit Jahrzehnten institutionell getragen werden.

Das ist auf Dauer weder gerecht noch nachhaltig.

Wir verlangen keine Sonderbehandlung

Wir fordern nicht, dass Muay Thai ungeprüft gefördert wird. Wir erwarten dieselben Maßstäbe, die auch für andere Sportarten gelten:

die Qualität der Nachwuchsarbeit,

die Qualifikation von Trainern und Officials,

verbindliche Sicherheitsstandards,

medizinische Betreuung,

transparente Verbandsstrukturen,

gesellschaftliches Engagement und

die Einhaltung international anerkannter Regeln.

Entscheidend sollte nicht sein, ob eine Sportart bereits über die größte Lobby, die längste Tradition innerhalb deutscher Institutionen oder die höchste mediale Reichweite verfügt.

Entscheidend sollte sein, welche Arbeit tatsächlich geleistet wird.

Muay Thai braucht eine faire Chance

Muay Thai ist international anerkannt. Die Sportler sind da. Die Trainer sind da. Die Vereine und Landesstrukturen wachsen. Was fehlt, ist ein fairer Zugang zu den Möglichkeiten, die für andere organisierte Sportarten selbstverständlich sind.

Wir werden deshalb weiter daran arbeiten, sichere Wettkämpfe, qualifizierte Officials, Nachwuchsförderung und verlässliche Verbandsstrukturen in Hessen aufzubauen.

Aber Sportpolitik, Förderinstitutionen und Unternehmen sollten sich ebenfalls fragen, ob ihre Entscheidungen noch der heutigen Realität entsprechen – oder ob sie weiterhin Bilder und Vorurteile fortschreiben, die mit dem modernen Muay Thai wenig zu tun haben.

Wer sicheren Kampfsport möchte, muss diejenigen unterstützen, die sichere Strukturen schaffen.

One Team • One Fight • One Family

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